Dienstag, 12. März 2019

Wie es weitergeht

So wie es aussieht, ist der Tag X schneller gekommen, als erwartet.
Es ist in der Vergangenheit ganz viel schief gelaufen und ja, ich habe auch nicht wenige Fehler gemacht. Dass es jetzt so endet ist natürlich blöd, aber irgendwie bin ich erleichtert.

Aber von vorn: Nach einigem Hin und Her musste ich eine Prüfung tatsächlich im 3. Versuch antreten. Es kam, wie es kommen musste: Am Ende fehlte mir ein einziger Punkt zum Bestehen.
Es ist ironisch, da mich diese Art des Pechs schon seit Beginn des Studiums verfolgte. Immer war es ganz knapp, wenn ich irgendwo durchgefallen bin und es war abzusehen, dass es, wenn es final schief geht, so passiert.
Natürlich war ich bei der Einsichtnahme, aber die Hoffnung, dass mir dieser Punkt noch gegeben wird, ist extrem klein. Und ja, ich hätte noch mehr Möglichkeiten. Ich könnte mich über verschiedene Stellen für einen 4. Versuch bewerben. Oder ich könnte über den juristischen Weg weitermachen, tatsächlich wären meine Chancen da gar nicht mal so gering, da es doch einige Angriffspunkte gibt.
Aber ich habe mich anders entschieden. Die letzten knapp 2 Jahre des Studiums waren ein einziger Kampf und ich bin einfach müde. Ich möchte nicht meine psychische Gesundheit für etwas opfern, was mir am Ende vielleicht noch 3 Monate im Studium bringt, um dann bei der nächsten Prüfung durchzufallen. Und ich habe in den letzten Tagen und Wochen immer mehr festgestellt, dass ich nicht mehr bereit bin, alles für diesen Traum zu geben.
Ja, es war mein Kindheitstraum, einmal Ärztin zu sein. Aber manchmal sollten Träume vielleicht auch genau das bleiben. Ich merke, dass meine Erwartungen und die Realität nicht mehr zusammen passen.
Ja, ich wäre gerne Ärztin und bestimmt auch sehr glücklich damit geworden. Und trotzdem bin ich nicht so traurig, wie man wahrscheinlich in solch einer Situation sein sollte, wenn der eigene Traum wie eine Seifenblase zerplatzt.
Ich bin erwachsen geworden und mit mir meine Wünsche und Ziele. Ich kann damit umgehen, wenn ich scheitere und irgendwie wird es wohl auch seinen Sinn haben, dass ich von diesem geradlinigen Weg abgekommen bin. Es eröffnet mir ganz neue Möglichkeiten, eine neue Perspektive. Und egal, wie es weitergeht: Es wird gut!

Also, was wird nun aus mir? Nun, ich werde dem medizinischen Bereich treu bleiben, denn sind wir ehrlich: Ich kann nichts anderes außer Medizin.
Schon über Monate ist in meinem Inneren eine neue Leidenschaft gewachsen, langsam und im Hintergrund. Spätestens seit dem 2. Teil des Krankenpflegepraktikums weiß ich, dass ich damit auch wirklich glücklich werden kann.
Mein Weg wird mich in die Geburtshilfe führen.
Ob ich schon in diesem Jahr mit der Ausbildung zur Hebamme beginnen kann, weiß ich nicht. Ansonsten steht ein Jahr Bundesfreiwilligendienst an und dann geht es 2020 weiter für mich.
Wir werden es sehen und ich würde mich wirklich freuen, wenn ihr mich weiter auf meinem Weg begleiten möchtet. Es wird auf jeden Fall niemals langweilig!

Eure Kaisa

Freitag, 15. Februar 2019

Mein Vorhof zur Hölle heißt Vorklinik


Mir war schon vor dem Studium klar, dass die ersten zwei Jahre kein Zuckerschlecken werden würden. Um das zu erfahren, muss man sich nicht mal sehr intensiv mit dem Thema beschäftigen. Es ist einfach eine Tatsache, der man immer und immer wieder begegnet. Und doch ist man am Ende wirklich überrascht, wie es wirklich ist.
Ich studiere in einem nicht-reformierten Studiengang, das heißt, die Vorklinik ist genau das, was der Name impliziert: alles außer klinisch. Im Regelfall dauert sie 4 Semester, also 2 Jahre, und wird mit dem Physikum abgeschlossen.
Inzwischen ist die Vielfalt an reformierten Studiengänge so groß, dass ich keinerlei Überblick mehr habe, weshalb werde ich das einfach mal außen vor lassen.
Zurück zum Text: 4 Semester Vorklinik, das heißt vor allem: Naturwissenschaften und Anatomie pauken, bis es einem zu den Ohren wieder heraus kommt.
Ja, das wusste ich vorher. Und ja, ich habe mich trotzdem darauf eingelassen. Im Nachhinein weiß ich nicht, ob ich mich noch einmal darauf einlassen würde. Denn die letzten 3 Semester waren alles außer spaßig.

Aber ich will vorne beginnen. Ganz am Anfang, im 1. Semester, war die Welt noch in Ordnung. Der Himmel hing voller Geigen, denn – verdammt nochmal, ich hatte einen Medizinstudienplatz im allerersten Anlauf an der einzigen Uni, an der ich mich beworben hatte! Wenn das nicht die Erfüllung aller Träume ist, dann weiß ich auch nicht. Es ging los mit Biologie, Physik und Chemie. Außerdem lauerte die Anatomie auf uns, zu Beginn ganz unschuldig und übersichtlich. So ein paar Knochen, na das lernt man doch schnell mal nebenbei – oder?
Die erste Klausur in diesem Studium, kurz vor Weihnachten, brachte dann für viele doch das böse Erwachen. Ich weiß bis heute nicht, wie ich das im 1. Anlauf bestanden habe, aber sei es drum und ein bisschen Glück braucht man eben auch.
Was für uns alle aber eine riesige Belastung war, war das Chemiepraktikum. Nicht nur, dass man jede Woche bis nach 19 Uhr im Labor stand, man musste vorher auch noch ein Antestat bestehen und natürlich den Stoff, der viel weiter ging als irgendeine Vorlesung, auch noch verstehen. Abgesehen davon mussten wir für die Experimente einmal quer durch die Stadt an den Hauptcampus fahren, wodurch montags die Mittagspause ausfiel. Im Nachhinein ist das wohl die Vorbereitung auf die Arbeit in der Klinik gewesen…
Am Ende, im Februar standen dann noch Klausuren in Biologie, Chemie und nach 4 Wochen Praktikum auch noch in Physik an. Na ja, sagen wir so: Ich war in der Schule im Bioleistungskurs, deshalb war diese Prüfung keine große Hürde. Die anderen beiden… Ich mochte sie so gerne, dass ich sie glatt mehrfach schreiben wollte… Aber damit war ich nicht allein! 
Nebenbei sollte man außerdem noch Histologie lernen, um dort im praktischen Mikroskopieren verschiedene Gewebe erkennen zu können. Aber auch das hat man irgendwie geschafft, wenn auch in mehreren Anläufen.

Dann folgte das 2. Semester, oder auch mein persönlicher Abstieg in die Hölle. Ja, der Präparierkurs war wirklich großartig, abgesehen davon, dass die Uni es nicht geschafft hatte, für unseren Tisch einen Tutor zu besorgen. Zum Glück waren wir mit einem begabten Kommilitonen gesegnet, der uns das meiste erklärte und auch die Tutoren der Nachbartische versuchten, uns so gut es ging beizustehen. Ich weiß nicht, ob es daran lag oder schlicht und ergreifend daran, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich in so kurzer Zeit so viel Stoff in meinen Kopf prügeln sollte. Also kam, wie es kommen musste: Ich hüpfte von einer Wiederholung in die nächste, manchmal war es wirklich mehr als knapp und ich bin der Überzeugung, dass ich den ein oder andern Punkt aus Mitleid bekommen habe.  
Sozusagen nebenbei galt es dann, Interesse für Biologie und Histologie aufzubringen, was nicht wirklich einfach war. Das einzige, was mir in diesem Semester vorbehaltlos Spaß gemacht hat, war Psychologie. Endlich gab es klinische Bezüge und auch Professoren, denen klar war, warum wir im Hörsaal saßen: um irgendwann einmal mit Menschen zu arbeiten und nicht, um Bücher stapelweise auswendig zu lernen. Es war eine erfrischende Abwechslung und noch dazu sehr spannend, kein Wunder also, das die Prüfung hier leicht von der Hand ging.
Doch mein großes Problem blieb: Anatomie. Irgendwie konnte ich mich immer retten. Na ja, bis dann das Kopf-Hals-Testat anstand. Ich hatte keinerlei Plan von diesem Thema und so kam es, wie es kommen musste: ich rutschte kopfüber (haha) in den Drittversuch. Das heißt an meiner Uni: letzte Chance, wenn man hier durchfällt, ist es endgültig vorbei, dann ist man deutschlandweit gesperrt für den Studiengang.
Zum eigentlichen Termin hatte mich dann eine fiese Erkältung erwischt, wahrscheinlich hatte ich mir das beim Praktikum auf der Kinderstation eingefangen. Zum Glück hat auch mein Arzt eingesehen, dass man beim letzten Versuch 100% fit sein sollte und schrieb mich krank. Und so stehe ich jetzt hier, kurz vor dem 4. Semester und muss meinen Drittversuch als letzte Prüfung vor dem Physikum irgendwie bestehen. Keine besonders tollen Aussichten.
Insgesamt war das 2. Semester für uns alle purer Stress, einige Kommilitonen warfen freiwillig das Handtuch. Gerade auch, weil unsere Professoren nicht unbedingt allen Studenten freundlich gesinnt waren und einem diese Abneigung auch gerne zeigten. Zusätzlich zu dem allgemeinen Lernstress führte das dazu, dass einige psychisch vollkommen am Ende waren.
Und ja, auch mir ging es in dieser Zeit öfter mal nicht ganz gut. Der ein oder andere Heulkrampf war definitiv dabei. Zum Glück habe ich ein tolles Umfeld, das mich immer wieder aufgebaut hat. Trotzdem bin ich einfach nur froh, dass dieses Semester hinter mir liegt. In dieser Zeit habe ich mich mehr als einmal gefragt: Warum zur Hölle tue ich mir das an? Wofür das Ganze?
Erst im Praktikum auf der Kinderstation habe ich wieder Licht am Ende des Tunnels gesehen und gemerkt: ich brenne für dieses Fach und für das, was ich später erreichen kann. Nun gilt es aber erst einmal, sich durchzukämpfen.

Im 3. Semester fühlt man sich schon fast wie ein alter Hase, obwohl man gerade erst den Babyschuhen entwachsen ist. Sobald man nicht mehr die zur jüngsten Studentengeneration gehört, ist man „cool“. Wir sind zwar immer noch grün hinter den Ohren, aber was solls, ein bisschen Aufwind ist nie verkehrt, gerade in so einem Studium.
Es warteten neue Fächer, mit Biochemie und Physiologie auf uns, genau so wie alte Bekannte mit Anatomie und Psychologie.
Wieder sehe ich Psycho als meinen rettenden Anker, der mich aus dem Sumpf des stupiden Auswendiglernens heraus zog und mit klinischen Fällen die Motivation hoch hielt.
Neuroanatomie war immerhin spannend, aber wieder einmal mit viel Auswendiglernen verbunden. Irgendwie haben wir es aber geschafft und konnten und nach Weihnachten auf die anderen Fächer konzentrieren.
Physiologie und Biochemie sind an sich sehr interessant und in großen Teilen auch logisch – wenn man das nötige Grundverständnis mitbringt. Mein Problem ist, dass Chemie und ich wohl nie enge Freunde werden, was die Sache nicht einfacher macht. Und auch in Physio fehlt mir teilweise einfach der Blick für die Zusammenhänge.

Insgesamt hört man sehr häufig, die Vorklinik sei vorrangig zum „Aussortieren“ der Studenten und den Großteil könne man nach dem Physikum wieder vergessen. Was natürlich für mich, im 3. Semester, nicht unbedingt motivierend ist. Deshalb versuche ich, mir zu sagen, dass ich die Grundlagen können muss, um am Ende kranke Menschen behandeln zu können. Aber das ist nicht immer einfach, vor allem, wenn man gerade den 7. Reaktionsschritt der Glykolyse zu verstehen versucht (es ist die Reaktion von 1,3-Biphosphoglycerat zu 3-Phosphoglycerat, falls es jemanden interessiert) und keinen blassen Schimmer hat, wie einem die Reaktionsgleichungen später mal helfen sollen, einen Blinddarm zu entfernen oder ähnliches. Aber ich versuche, das Beste daraus zu machen.
Trotzdem kommt nicht nur ein bisschen Neid auf, wenn man von anderen Unis hört, an denen vom 1. Tag an Patientenkontakt da ist und man sofort die klinischen Bezüge herstellen kann. Aber ich bin nun mal hier gelandet und versuche nun, diese Zeit hinter mich zu bringen, so blöd es jetzt auch klingen mag. Gerade jetzt im Sommer, wo nur noch Biochemie und Physiologie auf dem Plan steht, neben Anatomieseminaren, die die Physikumsprüfung simulieren sollen. Allein der Gedanke daran bereitet mir schlaflose Nächte. Es wird kein Spaß.

Aber ich habe mir fest vorgenommen, bis zum Ende zu kämpfen. Ich mache inzwischen jeden einzelnen Tag, auch in den Semesterferien, etwas für die Uni, ob es Ausarbeitungen oder Wiederholungen sind. Nur so habe ich die Chance, das zu schaffen. Und das ist alles, was gerade im Fokus steht.
Aber wenn man den Kommilitonen der höheren Semestern glaubt, dann ist da zumindest schon ein Silberstreifen am Horizont: Die Klinik ruft, auf ins 4. Semester!

Montag, 28. Januar 2019

Ich nix Krankenschwester - Pflegepraktikum Teil 1


Irgendwann im Laufe der Zeit wird jeder, der sich für ein Medizinstudium interessiert, auf den Begriff „Krankenpflegepraktikum“ oder „Pflegepraktikum“ stoßen. Bei den meisten Bewerbern sorgt vor allem der geforderte Zeitraum von 90 Tagen, die vor dem Physikum abgeleistet werden müssen, für Schweißausbrüche.
An dieser Stelle kann ich beruhigen: Es sieht (meistens) schlimmer aus, als es ist.
Zum jetzigen Zeitpunkt habe ich diese drei Monate bereits hinter mich gebracht. Dabei habe ich mich an die weitverbreitete Empfehlung gehalten, dies zumindest teilweise schon vor Studienbeginn zu absolvieren. Hier in Sachsen ist es erlaubt, das Praktikum in maximal 3 Teile mit je mindestens 30 Tagen aufzuspalten. Informiert euch hierzu aber auf jeden Fall bei eurem zuständigen Landesprüfungsamt, wie die Gegebenheiten im Bundesland eurer Wahl sind, damit ihr keine bösen Überraschungen erlebt!

Im Folgenden möchte ich euch an einigen Erfahrungen meinerseits teilhaben lassen. Alle Angaben zu Personen, Schicksalen usw. sind dabei verändert, entsprechen aber wahren Begebenheiten.

Kurz nach dem Abitur und nach erfolgreicher Wohnungssuche in der Stadt meiner Träume war es soweit. Zum ersten Mal trat ich den Weg in ein örtliches kleines Krankenhaus an, welches als Teil einer großen privaten Klinikkette prädestiniert für mein Pflegepraktikum war. Dabei verließ ich mich vor allem auf die grandiosen Versprechungen auf der Internetseite der Klinik und auf die durchweg positiven Erfahrungen meines Schwagers in spe, der dort sein Klinikpraktikum für den Rettungsdienst absolvierte.
Also stand ich dort, in meinen nagelneuen weißen Turnschuhen und wusste nicht wohin mit mir. Zum Glück erschien zeitnah die wirklich nette Personalleiterin, die mich sofort mit allen notwendigen Informationen versorgte und mich gemeinsam mit einer Schülerpraktikantin durchs Haus führte. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich mich noch am ersten Tag das Erste und Letzte Mal verlaufen habe, als ich meinen Spind suchte…
Am Ende der Tour wurden wir auf unsere Station geführt: Für die nächsten 60 Tage würde ich Teil des Pflegeteams auf Station 4 sein. Dort ist zum einen die Innere untergebracht. Aber auch die Palliativstation ist dort zu finden. Im ersten Moment war dies ein wenig seltsam, bedeutet es doch ständigen Kontakt mit sterbenden Menschen. Aber dazu in einem anderen Post mehr.
Die ersten Tage waren geprägt vom ständigen Nachfragen nach Orten, Namen und ähnlichem. Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, da ich in einem sehr hilfsbereiten und dankbaren Team gelandet war. Keine Frage konnte sie nerven. An dieser Stelle kann ich nur alle ermutigen: Fragt nach, lasst euch Sachen auch drei- oder viermal erklären. Es ist nur zu eurem Vorteil und die meisten Krankenschwestern und -pfleger können sich noch gut an ihre eigene Anfangszeit erinnern und werden euch liebend gerne helfen. Nur solltet ihr ein Gefühl dafür entwickeln, wann man sich vielleicht lieber zurück hält. Wenn mal richtig die Luft brennt, haltet eure Frage nach den physiologischen Zusammenhängen, oder was euch sonst grade einfällt, lieber bei euch. Später bleibt dafür bestimmt noch Zeit.

Natürlich ist man als Pflegepraktikant, gerade vor dem Studium, Mädchen für alles. Ich war vor allem damit beschäftigt, Essenswägen zu holen, auf die Ordnung zu achten und nachmittags die Blutdrücke der Patienten zu messen. Nach und nach erweiterte sich mein Aufgabenbereich jedoch. Gerade wenn keine anderen Praktikanten auf Station waren, durfte ich Infusionen anrichten und wechseln, Patienten waschen und beim Lagern der Pflegefälle helfen.
Das führt zum nächsten Thema: Vor allem auf der Inneren kommt man in Kontakt mit jeglicher Art von menschlichen Ausscheidungen. Egal ob vorne, hinten, oben oder unten – manchmal kommt es überall gleichzeitig raus. Klingt makaber, aber man gewöhnt sich dran! Vor allem am Anfang hatte auch ich teils mit Würgereiz zu kämpfen, aber die Kollegen haben dafür Verständnis, keine Sorge! Jeder hat mal angefangen und jeder muss sich an so etwas erstmal gewöhnen. Wichtig ist es nur, nicht von vornherein ablehnend zu reagieren. Es wird besser, versprochen! Aber Lehrjahre sind keine Herrenjahre und irgendjemand muss halt auch die unbeliebten Arbeiten übernehmen. Das gehört dazu und falsche Arroganz ala "Ich werde ja eh Arzt!" ist hier absolut fehl am Platz. Ihr seid nun mal das unterste Glied der Nahrungskette und diese Erfahrung ist auch mehr als wertvoll.

Auch Blut ist ein alltäglicher Begleiter auf Station. Und damit meine ich nicht die Röhrchen, die man als Praktikant tagtäglich ins Labor bringen darf!
Ich erinnere mich dabei an folgende Begebenheit: Es war gerade die Visite nach dem Mittagessen durch, alle Patienten waren mit frischen Infusionen versorgt. Ich war dabei, die Essenstabletts abzuräumen und ein wenig mit den Patienten zu schäkern, als aus einem Raum laute Rufe ertönten und die Klingel aufleuchtete.
Bevor ich mich auf den Weg machen konnte, kam mir eine Zimmerbewohnerin aufgeregt entgegengelaufen und erzählte etwas von einer Blutlache. Natürlich schrillten bei mir sofort die Alarmglocken und ich machte mich eilig auf den Weg. Schon im Türrahmen sah ich das Unglück: Eine ältere Patientin hatte sich beim Umziehen selbst die Infusionsnadel gezogen. Das Problem dabei war, dass die Infusion aber noch lief. Da sie außerdem eine von vielen Patienten war, die blutverdünnende Mittel nehmen, stand sie bald in einem See aus Infusionsflüssigkeit und Blut.
Sowas sieht natürlich im ersten Moment schrecklich aus, ist aber halb so wild. Wichtig ist es nur, die Infusion abzudrehen und Tupfer oder einen Einmalwaschlappen zu besorgen, um die Blutung aufzuhalten. Um den Boden kümmert sich das Reinigungsteam (oder man selbst, wenn man nett ist), der zuständige Arzt legt eine neue Nadel und schon ist es, als wäre nie was passiert.

Natürlich ist nicht alles einfach und schon gar nicht immer schön. Manchmal fühlte ich mich wie der letzte Depp vom Dienst, weil ich beinah allein alle vier Flure abräumen und nebenbei noch tausend andere Dinge erledigen durfte. Die Beschwerden der Küchenfrauen ob der späten Abgabe der Essenswagen gabs gratis dazu. An einigen Tagen schaute ich beinah alle zehn Minuten auf die Uhr, wann denn endlich Feierabend wäre, damit ich daheim todmüde in mein Bett fallen konnte.
An manchen Tagen hätte ich sowohl Patienten als auch Kollegen gerne auf den Mond geschossen.
Aber das war es wert!
Denn dies wurde überlagert von so vielen tollen und einzigartigen Momenten.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir folgende Geschichte: Wir hatten eine Patientin auf Station bekommen – erst einmal nichts Besonderes. Die Dame zählte schon weit über 90 Jahre und war überaus unzufrieden mit ihrer Situation. Ständig gab es etwas auszusetzen und nichts konnte man ihr Recht machen. Gerade mir, als kleiner Praktikantin, schlug ihr volles Misstrauen entgegen.
Deshalb war ich nicht gerade begeistert, als ich bei ihr das Betttuch wechseln sollte, während die Physios im Raum waren.
Doch dann wurde ich auf einmal um Hilfe gebeten: Ich sollte ihr mit aufhelfen. Natürlich unter Protest ihrerseits, hatte sie doch zuvor nicht einmal an der Bettkante sitzen und essen können. Aber auf einmal stand sie auf ihren Beinen! Sogar ein paar Schritte konnte sie gehen.
Anschließend saß sie auf dem frischen Laken, blickte die Physiotherapeutin und mich an, Tränen in ihren Augen: „Das war das erste Mal seit 8 Jahren, das ich auf meinen eigenen Beinen stand! Ich danke Ihnen!“ Dabei fiel sie immer wieder in Dankgebete. Es war einfach ein unbeschreiblich ergreifender Moment, diese alte Dame so überwältigt von ihrer eigenen Kraft zu sehen.

Momente wie diese sind es, die mich in meinem Berufswunsch bestärken. Ich habe einige ähnlicher Situationen im Praktikum erlebt. Und das hat all die anstrengenden Tage wieder wettgemacht. Einen Patienten zu sehen, der sich nach langer Krankheit wieder selbst waschen und rasieren kann. Familien erleben zu dürfen, die nach Wochen der Krankenbesuche wieder gemeinsam lachen können. So etwas ist es, was man gerade als Praktikant erlebt, da man etwas mehr Zeit in den Patientenkontakt investieren kann, als das Krankenhauspersonal.
Aus diesem Grund kann ich nur empfehlen: Seht das Pflegepraktikum nicht als lästige Pflicht! Es ist nur ein weiterer Schritt in Richtung der Erfüllung eures Traumes und ihr werdet vor allem an Erfahrungen reicher, die euch noch lange begleiten werden.
Vor allem hat die Zeit auch meinen Respekt vor allen Pflegekräften verzehnfacht. Ihr leistet phänomenale Arbeit! Tausend Dank für euren Einsatz und lasst euch nicht unterkriegen von Politikern, die alles besser wissen, aber nie auch nur einen Tag in solch einem Job gearbeitet haben. Ohne euch, die guten Seelen, wären wir richtig am A****.

In einem der folgenden Beiträge werde ich noch einmal näher auf die Arbeit auf der Palliativstation eingehen. Wenn ihr Fragen dazu habt, stellt sie gerne!
Auch über eure Erfahrungen und Meinungen freue ich mich.

Liebe Grüße,
Kaisa

Dienstag, 22. Januar 2019

Versagensangst und Druck


Versagensangst. Etwas, was ich vor meinem Studium nur vom Wort her kannte. Einen wirklichen Bezug dazu hatte ich aber nie.
Na ja, zumindest bis jetzt.

In der Schule war es so einfach: Ich musste kaum lernen, war Teil von so gut wie allen Arbeitsgemeinschaften und sonstigen außerschulischen Aktivitäten, immer ganz vorn dabei. Vermutlich habe ich bei der Abifeier einen Rekord darin aufgestellt, wie oft ein einzelner Name genannt werden kann.
Auch im Freundeskreis gab es so gut wie niemanden, der irgendwie Angst haben musste, das Abi nicht zu schaffen. Klar, ab und hakt es hier und da, aber am Ende konnte im Zweifel auch ein Schulwechsel helfen et voila, da war das Super-Abitur.
Alles ganz entspannt also. Tja, und dann kam die Uni.

Es fing ganz unschuldig an, der Stoff lag nur minimal oberhalb des Niveaus der Oberstufe. Nur Anatomie fiel da etwas heraus, aber ein paar Knochen auswendig lernen, das schafft man dann schon mal nebenbei. Und so plätscherte das erste Semester so vor sich hin. Zwar musste ich mehr lernen als vorher (oder überhaupt), aber es bewegte sich im kleinen Rahmen, im Zweifel reichte eine Woche Vorbereitung voll und ganz aus.
Bis, so gegen Semesterende, mit Physik das erste Mal nach einer Prüfung das „nicht bestanden“ auftauchte. Und ab dann ging es bergab.
Im zweiten Semester nahm ich fast alles an Wiederholungen mit, was nur ging. Und jetzt, ja jetzt ist da dieser drohende Drittversuch, der am Horizont wartet. Die letzte Prüfung vor dem Physikum könnte alles beenden.
Erstaunlicherweise haben mich diese Wiederholungen nie so wirklich belastet, vor allem am Anfang fand ich das mehr als erstaunlich. Schließlich war es etwas ganz Neues, irgendwo durchzufallen, also zu scheitern. Etwas, was mir in meinem bisherigen Leben nie begegnet war.

Ich bin Einzelkind und wurde bzw. werde stets von meiner ganzen Familie umsorgt. Ich bin wirklich wahnsinnig dankbar dafür. Vor allem, da auch jetzt, wo es ein wenig auf der Kippe steht, ob das mit dem Studium am Ende hinhaut, keinerlei Forderungen gestellt werden. Klar, es wird nach einem Plan B gefragt und ja, natürlich wünschen sich alle, dass es doch noch funktioniert. Aber am Ende würde ich vermutlich keinerlei Vorwürfe zu hören bekommen. Meine Leute stehen hinter mir und das ist einfach wahnsinnig großartig.

Trotzdem will ich auf gar keinen Fall jemanden enttäuschen, nicht meine Freunde, auf gar keinen Fall die Familie und auch nicht mich selbst. Denn am Ende habe ich ja auch einen gewissen Anspruch an mich, auch, wenn es nicht unbedingt die Bestnote in der Prüfung sein muss. Aber es würde mich richtig fertig machen, wenn ich endgültig durchfalle. Dann kann ich nie wieder in Deutschland Medizin studieren, der Traum vom Arzt sein wäre geplatzt.
Natürlich habe ich (nicht nur einen) Plan B. Wahrscheinlich würde ich auch damit am Schluss glücklich sein und es würde mich auch erfüllen. Aber es wäre trotz allem nur der Plan B.

Ich kann diese innere Stimme nicht ausschalten, die mir immer wieder einflüstert, dass ich scheitern werde. So was gehört denke ich auch dazu. Und an manchen Tagen, wenn sowieso alles schief läuft und man sich einfach nur im Bett verkriechen will, da wird diese Stimme lauter. Und dann fängt man wirklich an, an sich zu zweifeln. Nicht nur einmal habe ich mit dem Gedanken gespielt, doch alles hin zu schmeißen. Besser, als rauszufliegen. Besser, als sich das eigene Scheitern vor Augen führen zu müssen.
Dann kommt die Angst dazu: Was wird aus den Freundschaften, die man an der Uni geschlossen hat? Ich will das nicht aufgeben.
Was wird aus den ganzen Zukunftsplänen, die man geschmiedet hat? Ich habe so unendlich vielen Leuten erzählt, dass ich Landarzt werden möchte. So viele, die sich darauf freuen, mich dann wiederzusehen. So viele, die sich darauf verlassen, dass das funktioniert. Was würden sie von mir denken, wo ich doch immer erfolgreich mit meinen Plänen war?

Ich weiß, dass diese Gedanken Mist sind. Aber ab und an schleichen sie sich einfach an und erschrecken einen von hinten. Dann kann man sich nicht immer wehren und manchmal hilft es dann nur, sich mit einer heißen Schokolade im Bett zu verkriechen, eine Runde haltlos zu heulen und sich hinterher vom Schatz trösten zu lassen. Danach geht es besser.
Und inzwischen überwiegen auch die Momente, in denen ich mich stark fühle. So, als könnte ich alles schaffen. In solchen Momenten gibt es diese Angst vor dem Versagen nicht, dann ist alles leicht und scheint machbar.

Und ich weiß auch, dass es vielen vielen meiner Kommilitonen ähnlich und sogar schlechter geht. Nicht wenige haben dann auch wirklich aufgegeben, um nicht komplett kaputt zu gehen. Und nicht wenige halten den Druck nur aus, indem sie die Sorgen mit Alkohol oder anderen Mittelchen betäuben. Sowas ist kein Geheimnis, aber kaum jemand spricht darüber. Genauso wenig wie über die hohe Selbstmordrate unter Medizinstudenten. Schließlich sind wir die „Akademiker von morgen, die neue Elite“, wie unser Professor ganz am Anfang zu uns sagte. Aber beginnt nicht genau da das Problem? Warum sollten wir uns anders verhalten, uns wichtiger fühlen als andere Studenten oder Leute mit Ausbildung? Das ist doch Schwachsinn und führt nur zu unberechtigter Überheblichkeit. Dabei haben wir doch genügend andere Probleme.
Außerdem wird uns Studenten auch von einigen Professoren vermittelt, wir wären sowieso nichts wert, wenn wir diese eine Frage nicht beantworten können. So was wie wir sollte gar nicht Arzt werden, es wären nur verschwendete Steuergelder, wenn wir weiterstudieren würden.

Solche Aussagen machen einen psychisch fertig. Zusätzlich zum eigenen Druck ist so etwas einfach nur Gift. Einige Kommilitonen haben eine diagnostizierte psychische Erkrankung entwickelt, ganz vorne weg Depressionen. Aber so etwas gilt ja nicht mal als Grund, um von einer Prüfung zurückzutreten.
„Wie bitte, sie lagen 3 Wochen im Bett und waren so am Ende ihrer Kräfte, dass sie nicht einen Satz lesen konnten? Sorry, aber psychische Erkrankungen sind keine unverschuldeten Zwischenfälle, Sie können nicht von der Prüfung zurück treten.“

Wollen wir also wirklich, dass die Studenten schon im Studium bis an den Rand des Aushaltbaren getrieben werden? Wollen wir wirklich Ärzte, die schon zu Berufsbeginn ausgebrannt sind?
Es muss sich etwas ändern und das möglichst schnell! Und Kommilitonen, die wutentbrannt vor dem Studienbüro auflaufen, um sich für eine Person einzusetzen, sind schon ein richtig guter Anfang!

Liebe Grüße,
Kaisa



PS: Ja, ich weiß, dass sowas nicht nur im Medizinstudium an der Tagesordnung ist, aber für mich ist es hier am Greifbarsten :)