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Sonntag, 21. April 2019

Ich bin Christ und stolz drauf!


Es ist 7:45 Uhr am Ostersonntag. Ich sitze gerade vor dem Computer und tippe diesen Text, die ersten zwei Tassen Kaffee habe ich schon weg.
Du fragst dich vielleicht, was das soll. An einem Feiertag, um diese Uhrzeit am Rechner zu sitzen, anstatt auszuschlafen oder ein großes Frühstück für die ganze Familie vorzubereiten.
Tja, was denkst du wohl, wenn ich dir sage, dass ich heute um 5 Uhr aufgestanden bin? Nur, um in die Kirche zu gehen?
Ich stelle mir gerade vor, wie in deinem Kopf die imaginären Schubladen aufgehen. Kirche. Und das in dem Alter. Bestimmt ein Mauerblümchen. Dazu weltfremd.
Zack, ploppen noch mehr Vorurteile auf: Christ, da kann ja nur irgendwas nicht stimmen. Verklemmt. Altmodisch. Total durchgeknallt.

Tja, Freunde, das ist es, mit was man so konfrontiert wird, wenn man öffentlich zu seinem Glauben steht. Deshalb ist heute für mich der perfekte Anlass, um einmal die andere Sicht der Dinge darzustellen. Doch eines vorweg:
Es soll hier nicht darum gehen, irgendjemanden zu bekehren, ich bin kein Missionar und will es auch nicht werden. Jeder hat seine eigenen Meinung und wenn ihr das alles hier für ganz großen Abfall haltet, dann akzeptiere ich das. Im Gegenzug bitte ich darum, dass ihr vielleicht zumindest versucht, meine Meinung zu tolerieren. Und bitte, keine Beleidigungen, Mutti liest mit…

Um zu verstehen, wie das alles zu Stande kommt, müssen wir ein paar Jahre zurückspulen. Lange, bevor an mich überhaupt zu denken war, hat mein Opa als Pfarrer gearbeitet. Leider durfte ich ihn nie kennenlernen, aber ich bin mir sicher, dass er trotzdem von oben auf mich aufpasst. Und vielleicht ist er zumindest ein kleines bisschen stolz auf das, was ich hier so anstelle.
Jedenfalls war schon meine Kindheit vom Glauben geprägt. Meine Oma hat mir immer ganz großartige Bildergeschichten aus der Bibel vorgelesen, das waren so Bücher wo man auch kleine Fenster aufklappen konnte und so was. Fand ich natürlich entsprechend faszinierend. Außerdem hat sie ein Talent dafür, diese Geschichten kindgerecht zu erzählen.
Außerdem wurde jeden Abend gebetet, manche der kurzen Texte aus meinem Gebetsbuch kann ich bis heute auswendig und ich freue mich jedes Mal, wenn ich zu einer Gelegenheit Ausschnitte dieser Gebete höre. Und natürlich sind wir auch ab und an in die Kirche gegangen. Wobei ich sagen muss, dass mich das eher kalt gelassen hat, aber schlafen ging auf Mamas Schoß immer und überall. Kirchenschlaf ist sehr gesund und erholsam, muss ich sagen.

Und so wuchs ich heran, irgendwann ging ich zur Christenlehre in die Gemeinde, das war auf jeden Fall sehr spaßig. Wir haben jede Menge gebastelt und es gab auch die ein oder andere Geschichte zu hören. Ach ja, gesungen wurde auch immer ganz viel, halt so Sachen, die Kindern Spaß machen.
Der Religionsunterricht in der Schule war eine andere Sache. In meinen 12 Schuljahren habe ich so manchen Reli-Lehrer erlebt und na ja, abgesehen von einem war das alles eher Mist. Abgesehen davon kannte ich das meiste auch schon aus meiner Kindheit, war also eher langweilig – aber ein Selbstläufer, bei dem gute Noten ohne Aufwand heraussprangen.
In der 7. Klasse wurde es dann Zeit, sich zu entscheiden: Im nächsten Jahr Konfirmation oder Jugendweihe?
Die Gegend, aus der ich komme, ist ehemaliges Grenzgebiet. Das heißt, dass viele Familien schon in der DDR dort gewohnt haben. Damals war Kirche nicht unbedingt ‚IN‘, was sich bis heute durchzieht. So haben sich die meisten meiner Freunde für die Jugendweihe entschieden, auch die, mit denen ich noch ein paar Jahre vorher in der Christenlehre Kerzen gebastelt habe. In meiner Familie herrschte hingegen das Credo: Entweder Konfirmation oder es gibt keine Feier und keine Geschenke.
Für euch mag das vielleicht hart klingen, aber für mich stand etwas anderes als Konfi nie so richtig zur Debatte.
Also habe ich mit zwei anderen Jugendlichen, darunter meiner besten Freundin, JA zur Kirche gesagt. Damals hatte das für mich aber nicht so richtig eine Bedeutung, muss ich zugeben. Das kam erst ein bis zwei Jahre später.
Meine beste Freundin zerrte mich zu einem Jugendgottesdienst in die Landeshauptstadt. Dort traf ich wider Erwarten meine Cousine (hier beliebigen Grad >2 einfügen…), die ich seit Jahren nicht gesehen hatte. Wie sich herausstellte arbeitet sie beim CVJM, der auch diesen Gottesdienst organisierte. Und so rutschte ich da auch rein, beim nächsten Mal war ich schon als Mitarbeiter unterwegs, das ist jetzt fast 5 Jahre her und ich bin immer noch sehr begeistert davon. Inzwischen bin ich nicht nur beim Jugendgottesdienst dabei, sondern fahre auch demnächst mit auf die Zeltstadt, eine Woche christliches Zeltlager in ganz groß.
In der bisherigen Zeit habe ich viele ganz tolle und faszinierende Menschen getroffen. Und es ist so toll, dass wir alle etwas haben, das uns verbindet: Den Glauben.
Über die Jahre habe ich zu diesem Thema unglaublich viel gelernt, bin gereift und erwachsen geworden. Ich weiß jetzt, dass mehr dahinter steckt, als sich am frühen Sonntagmorgen von einem älteren Herren von der Kanzel berieseln zu lassen. Und es gibt so viel mehr christliche Musik, als die verstaubten Kirchenlieder, die so hoch angesetzt sind, dass es nur noch furchtbar schief klingt. Wer Lut auf ein paar Liedempfehlungen hat, darf sich gerne melden!

Ich war nie jemand, der jeden Sonntag in die Kirche geht. Ja, ich bin Mitglied der Evangelischen Kirche und nein, ich habe nicht vor, auszutreten. Es passiert viel und einiges davon ist ganz große Scheiße, sind wir doch ehrlich. Aber es bringt nichts, davor wegzulaufen. In meiner Gemeinde passiert ganz viel Jugendarbeit und ich freue mich, dass wir jetzt ein Jugendzentrum aufbauen können. Es ist genial, Teil einer solchen Gemeinschaft zu sein, die sich über Generationen hinweg irgendwie zusammenrauft und miteinander auskommt. Es gibt noch einige Hürden und vieles werden wir wohl auch einfach nicht mehr bewältigen können. Aber wenn jeder einen kleinen Teil dazu beiträgt, dann können wir eines Tages die alten Herren mit ihren festgefahrenen und verstaubten Einstellungen ablösen.
Nein, der Glaube passiert außerhalb der Kirchenmauern. Für mich geht es darum, mich an den Normen und Werten zu orientieren, die ich schon in die Wiege gelegt bekommen habe. Und da steht ganz viel Liebe im Mittelpunkt! Ganz oben: Nächstenliebe. Ich habe mich schon immer sozial engagiert und für mich ist es keine Arbeit, jemandem zu helfen. Es ist eine Selbstverständlichkeit.
Ein anderes Thema ist Vergebung. Ich muss gestehen, dass mir das nicht immer leicht fällt. Wenn ich mit jemandem überhaupt nicht zurechtkomme, dann ist es schwer, ihm Fehltritte zu verzeihen. Und doch finde ich es so wichtig, schließlich ist niemand von uns auch nur annährend perfekt.
Ihr denkt jetzt vielleicht: „Dafür brauche ich doch keine Kirche! Normen und Werte? Finde ich in der Verfassung!“ Tja, tut mir leid, es euch sagen zu müssen: Vieles, was in unserer Verfassung steht, steht auch so ähnlich in der Bibel. Und jetzt überlegen wir mal, was älter ist.

Da sind wir auch schon beim nächsten Thema: Die Bibel. In der Vergangenheit ist viel Unrecht passiert, was mit diesem Buch gerechtfertigt wurde. Wir töten Menschen anderer Religionen? Oder welche, die eben nicht an Gott glauben? Passt, steht doch so in der Bibel!
Freunde, so leicht ist das aber nicht! Nur, weil in einem Buch, was vor verdammt langer Zeit geschrieben wurde, steht, dass du nach dem Tod deines Bruders dessen Frau heiraten sollst, machst du es doch auch nicht! Deshalb finde ich Fundamentalisten und Extremisten, egal welche Einstellung (politisch oder religiös), ganz furchtbar.
In der Schule habe ich mal gelernt, dass man Texte nicht einfach nur lesen, sondern analysieren und interpretieren soll. Und das gilt ganz besonders für alte Texte. Ich für meinen Teil lese gerne Bibel, weil ich die Geschichten so schön finde, vieles ist einfach nur faszinierend und wer mal wissen will, wie die Leute von „Supernatural“ auf ihre Ideen kommen, sollte sich mal die Offenbarungen des Johannes näher anschauen.
Natürlich muss man kein Abi haben, um zu verstehen, dass die Sache mit Adam und Eva in der Form nicht funktioniert. Und dass man mit über 100 keine Kinder mehr bekommen kann, schon gar nicht so viele. Aber muss deswegen alles Schrott sein, was drin steht?
Für mich ist die Welt durchaus von Gott geschaffen. Nicht in sieben Tagen. Aber man muss die Tage ja nicht so wortwörtlich nehmen… Ich kann und will mir einfach nicht vorstellen, dass das ganze Leben einfach nur ein Zufall war, und dass wir ohne jeden Sinn leben und sterben, einfach nur, weil irgendwo ein paar Moleküle spontan gesagt haben: Jo, Leben, klingt geil, lass mal machen! (So leicht war es nicht, ist mir schon klar…) Da muss es doch noch mehr geben! Ja, ich bin ein Verfechter der Naturwissenschaften, warum auch nicht? Ist doch alles logisch! Nur mit dem Unterschied, dass ich denke, dass unsere Begabung dafür nicht zufällig ist, sondern eben gottgewollt.

Ja, ich glaube auch daran, dass Jesus gelebt hat. Und auch daran, dass er gestorben und auferstanden ist. Bis auf den letzten Teil ist übrigens auch viel historisch nachzuvollziehen, wenn auch nicht ganz wie es in der Bibel steht.
Und trotzdem glaube ich, dass er für unsere Sünden gestorben und für uns wieder auferstanden ist. Heute ist Ostern! Heute ist der Tag der Tage, an dem wir das Leben feiern wie nie!
Diese Auferstehungssache gibt uns jetzt keinen Freifahrtschein, dass wir tun und lassen können, was wir wollen. Jeder ist für seine Taten verantwortlich und jeder hat sich an geltendes Recht zu halten. Doch es ist so befreiend, wenn man weiß, dass es jemanden gibt, dem man nicht egal ist, der einen liebt, auch wenn man so richtig verkackt hat, abgesehen von der Familie (die haben eh keine Wahl).
Abgesehen davon finde ich die Vorstellung, dass der Körper nach dem Tod einfach nur unter der Erde verrottet mehr als gruselig. Es ist tröstlich, wenn ich mir vorstelle, dass meine Seele dann schon an einem anderen Ort ist. Wo das ist? Keine Ahnung! Aber eines Tages werde ich es herausfinden.

Und ja, ich bete! Wenn es schwierig ist, dann bete ich um Hilfe, um eine Eingebung, wohin mich mein Weg führen soll. Und wenn man sich darauf verlässt, dann kommt auch Antwort. Das heißt nicht, dass man vor einer Prüfung um richtige Antworten betet und dann nicht mehr lernt. So funktioniert das nicht! Ich bitte dann um Durchhaltevermögen, um Stärke und um ein Quäntchen Glück.
Es ist schwer zu beschreiben, aber man merkt es, wenn man auf dem falschen Weg ist. Mein Medizinstudium zum Beispiel. Egal, wie sehr ich mich angestrengt und was ich versucht habe: Ich bin immer wieder durchgefallen! Obwohl ich die Themen verstanden habe und obwohl ich mir sicher war, alles gewusst zu haben. Am Ende hat dann der entscheidende Punkt gefehlt. Und wenn man sowas über einen längeren Zeitraum immer wieder erlebt, beginnt man schon, sich Gedanken zu machen. Jetzt geht es mir gut. Ich merke, dass ich auf dem Weg dorthin bin, wo ich ankommen, wo ich meine Berufung finden werde. Und es ist ein tolles Gefühl!
Wenn es mir dann gut geht, wie zurzeit, dann danke ich Gott für alles, was er mir schenkt. Für meine Privilegien und das Glück, was ich mit meiner Familie und meiner Beziehung habe. Für meine Freundschaften. Für mein tolles Leben.

Ihr merkt, Christ sein hat ganz viel mit Freude und Dankbarkeit zu tun, mit Liebe und Geborgenheit. Es ist immer jemand da, zu dem ich sprechen kann, der mir meinen Weg zeigt, wenn ich nicht weiter weiß. Und ich bin stolz darauf, dass ich ein Teil des großen Ganzen sein darf, dass ich früh um 5:30 Uhr unter freiem Himmel am Osterfeuer stehe, wo vorne zwei Jugendliche getauft werden. Und trotz der frühen Uhrzeit sieht man überall nur lächelnde Gesichter.

Wenn ihr jetzt immer noch denkt: „Boah, die Alte hat doch nen Sockenschuss!“, dann ist das okay. Ich kann verstehen, wenn ihr denkt, dass ich weltfremd bin und mir das Leben zu leicht mache. Und ich kann damit leben, wenn ihr jetzt den größtmöglichen Abstand sucht.
An alle anderen: Danke, dass ihr euch die Zeit nehmt, diesen Text zu lesen und vielleicht ein klein wenig besser zu verstehen, warum ich so handle wie ich es tue. Jetzt kennt ihr mich noch ein bisschen besser und ich hoffe, dass ihr mich weiterhin auf meinem Weg begleitet.

Und nun wünsche ich euch ein frohes und gesegnetes Osterfest! Geht raus in die Sonne, genießt das Leben und macht was aus dem Geschenkt, auf dieser Welt zu sein.

Liebe Grüße,
Kaisa



Dienstag, 12. März 2019

Wie es weitergeht

So wie es aussieht, ist der Tag X schneller gekommen, als erwartet.
Es ist in der Vergangenheit ganz viel schief gelaufen und ja, ich habe auch nicht wenige Fehler gemacht. Dass es jetzt so endet ist natürlich blöd, aber irgendwie bin ich erleichtert.

Aber von vorn: Nach einigem Hin und Her musste ich eine Prüfung tatsächlich im 3. Versuch antreten. Es kam, wie es kommen musste: Am Ende fehlte mir ein einziger Punkt zum Bestehen.
Es ist ironisch, da mich diese Art des Pechs schon seit Beginn des Studiums verfolgte. Immer war es ganz knapp, wenn ich irgendwo durchgefallen bin und es war abzusehen, dass es, wenn es final schief geht, so passiert.
Natürlich war ich bei der Einsichtnahme, aber die Hoffnung, dass mir dieser Punkt noch gegeben wird, ist extrem klein. Und ja, ich hätte noch mehr Möglichkeiten. Ich könnte mich über verschiedene Stellen für einen 4. Versuch bewerben. Oder ich könnte über den juristischen Weg weitermachen, tatsächlich wären meine Chancen da gar nicht mal so gering, da es doch einige Angriffspunkte gibt.
Aber ich habe mich anders entschieden. Die letzten knapp 2 Jahre des Studiums waren ein einziger Kampf und ich bin einfach müde. Ich möchte nicht meine psychische Gesundheit für etwas opfern, was mir am Ende vielleicht noch 3 Monate im Studium bringt, um dann bei der nächsten Prüfung durchzufallen. Und ich habe in den letzten Tagen und Wochen immer mehr festgestellt, dass ich nicht mehr bereit bin, alles für diesen Traum zu geben.
Ja, es war mein Kindheitstraum, einmal Ärztin zu sein. Aber manchmal sollten Träume vielleicht auch genau das bleiben. Ich merke, dass meine Erwartungen und die Realität nicht mehr zusammen passen.
Ja, ich wäre gerne Ärztin und bestimmt auch sehr glücklich damit geworden. Und trotzdem bin ich nicht so traurig, wie man wahrscheinlich in solch einer Situation sein sollte, wenn der eigene Traum wie eine Seifenblase zerplatzt.
Ich bin erwachsen geworden und mit mir meine Wünsche und Ziele. Ich kann damit umgehen, wenn ich scheitere und irgendwie wird es wohl auch seinen Sinn haben, dass ich von diesem geradlinigen Weg abgekommen bin. Es eröffnet mir ganz neue Möglichkeiten, eine neue Perspektive. Und egal, wie es weitergeht: Es wird gut!

Also, was wird nun aus mir? Nun, ich werde dem medizinischen Bereich treu bleiben, denn sind wir ehrlich: Ich kann nichts anderes außer Medizin.
Schon über Monate ist in meinem Inneren eine neue Leidenschaft gewachsen, langsam und im Hintergrund. Spätestens seit dem 2. Teil des Krankenpflegepraktikums weiß ich, dass ich damit auch wirklich glücklich werden kann.
Mein Weg wird mich in die Geburtshilfe führen.
Ob ich schon in diesem Jahr mit der Ausbildung zur Hebamme beginnen kann, weiß ich nicht. Ansonsten steht ein Jahr Bundesfreiwilligendienst an und dann geht es 2020 weiter für mich.
Wir werden es sehen und ich würde mich wirklich freuen, wenn ihr mich weiter auf meinem Weg begleiten möchtet. Es wird auf jeden Fall niemals langweilig!

Eure Kaisa

Dienstag, 22. Januar 2019

Versagensangst und Druck


Versagensangst. Etwas, was ich vor meinem Studium nur vom Wort her kannte. Einen wirklichen Bezug dazu hatte ich aber nie.
Na ja, zumindest bis jetzt.

In der Schule war es so einfach: Ich musste kaum lernen, war Teil von so gut wie allen Arbeitsgemeinschaften und sonstigen außerschulischen Aktivitäten, immer ganz vorn dabei. Vermutlich habe ich bei der Abifeier einen Rekord darin aufgestellt, wie oft ein einzelner Name genannt werden kann.
Auch im Freundeskreis gab es so gut wie niemanden, der irgendwie Angst haben musste, das Abi nicht zu schaffen. Klar, ab und hakt es hier und da, aber am Ende konnte im Zweifel auch ein Schulwechsel helfen et voila, da war das Super-Abitur.
Alles ganz entspannt also. Tja, und dann kam die Uni.

Es fing ganz unschuldig an, der Stoff lag nur minimal oberhalb des Niveaus der Oberstufe. Nur Anatomie fiel da etwas heraus, aber ein paar Knochen auswendig lernen, das schafft man dann schon mal nebenbei. Und so plätscherte das erste Semester so vor sich hin. Zwar musste ich mehr lernen als vorher (oder überhaupt), aber es bewegte sich im kleinen Rahmen, im Zweifel reichte eine Woche Vorbereitung voll und ganz aus.
Bis, so gegen Semesterende, mit Physik das erste Mal nach einer Prüfung das „nicht bestanden“ auftauchte. Und ab dann ging es bergab.
Im zweiten Semester nahm ich fast alles an Wiederholungen mit, was nur ging. Und jetzt, ja jetzt ist da dieser drohende Drittversuch, der am Horizont wartet. Die letzte Prüfung vor dem Physikum könnte alles beenden.
Erstaunlicherweise haben mich diese Wiederholungen nie so wirklich belastet, vor allem am Anfang fand ich das mehr als erstaunlich. Schließlich war es etwas ganz Neues, irgendwo durchzufallen, also zu scheitern. Etwas, was mir in meinem bisherigen Leben nie begegnet war.

Ich bin Einzelkind und wurde bzw. werde stets von meiner ganzen Familie umsorgt. Ich bin wirklich wahnsinnig dankbar dafür. Vor allem, da auch jetzt, wo es ein wenig auf der Kippe steht, ob das mit dem Studium am Ende hinhaut, keinerlei Forderungen gestellt werden. Klar, es wird nach einem Plan B gefragt und ja, natürlich wünschen sich alle, dass es doch noch funktioniert. Aber am Ende würde ich vermutlich keinerlei Vorwürfe zu hören bekommen. Meine Leute stehen hinter mir und das ist einfach wahnsinnig großartig.

Trotzdem will ich auf gar keinen Fall jemanden enttäuschen, nicht meine Freunde, auf gar keinen Fall die Familie und auch nicht mich selbst. Denn am Ende habe ich ja auch einen gewissen Anspruch an mich, auch, wenn es nicht unbedingt die Bestnote in der Prüfung sein muss. Aber es würde mich richtig fertig machen, wenn ich endgültig durchfalle. Dann kann ich nie wieder in Deutschland Medizin studieren, der Traum vom Arzt sein wäre geplatzt.
Natürlich habe ich (nicht nur einen) Plan B. Wahrscheinlich würde ich auch damit am Schluss glücklich sein und es würde mich auch erfüllen. Aber es wäre trotz allem nur der Plan B.

Ich kann diese innere Stimme nicht ausschalten, die mir immer wieder einflüstert, dass ich scheitern werde. So was gehört denke ich auch dazu. Und an manchen Tagen, wenn sowieso alles schief läuft und man sich einfach nur im Bett verkriechen will, da wird diese Stimme lauter. Und dann fängt man wirklich an, an sich zu zweifeln. Nicht nur einmal habe ich mit dem Gedanken gespielt, doch alles hin zu schmeißen. Besser, als rauszufliegen. Besser, als sich das eigene Scheitern vor Augen führen zu müssen.
Dann kommt die Angst dazu: Was wird aus den Freundschaften, die man an der Uni geschlossen hat? Ich will das nicht aufgeben.
Was wird aus den ganzen Zukunftsplänen, die man geschmiedet hat? Ich habe so unendlich vielen Leuten erzählt, dass ich Landarzt werden möchte. So viele, die sich darauf freuen, mich dann wiederzusehen. So viele, die sich darauf verlassen, dass das funktioniert. Was würden sie von mir denken, wo ich doch immer erfolgreich mit meinen Plänen war?

Ich weiß, dass diese Gedanken Mist sind. Aber ab und an schleichen sie sich einfach an und erschrecken einen von hinten. Dann kann man sich nicht immer wehren und manchmal hilft es dann nur, sich mit einer heißen Schokolade im Bett zu verkriechen, eine Runde haltlos zu heulen und sich hinterher vom Schatz trösten zu lassen. Danach geht es besser.
Und inzwischen überwiegen auch die Momente, in denen ich mich stark fühle. So, als könnte ich alles schaffen. In solchen Momenten gibt es diese Angst vor dem Versagen nicht, dann ist alles leicht und scheint machbar.

Und ich weiß auch, dass es vielen vielen meiner Kommilitonen ähnlich und sogar schlechter geht. Nicht wenige haben dann auch wirklich aufgegeben, um nicht komplett kaputt zu gehen. Und nicht wenige halten den Druck nur aus, indem sie die Sorgen mit Alkohol oder anderen Mittelchen betäuben. Sowas ist kein Geheimnis, aber kaum jemand spricht darüber. Genauso wenig wie über die hohe Selbstmordrate unter Medizinstudenten. Schließlich sind wir die „Akademiker von morgen, die neue Elite“, wie unser Professor ganz am Anfang zu uns sagte. Aber beginnt nicht genau da das Problem? Warum sollten wir uns anders verhalten, uns wichtiger fühlen als andere Studenten oder Leute mit Ausbildung? Das ist doch Schwachsinn und führt nur zu unberechtigter Überheblichkeit. Dabei haben wir doch genügend andere Probleme.
Außerdem wird uns Studenten auch von einigen Professoren vermittelt, wir wären sowieso nichts wert, wenn wir diese eine Frage nicht beantworten können. So was wie wir sollte gar nicht Arzt werden, es wären nur verschwendete Steuergelder, wenn wir weiterstudieren würden.

Solche Aussagen machen einen psychisch fertig. Zusätzlich zum eigenen Druck ist so etwas einfach nur Gift. Einige Kommilitonen haben eine diagnostizierte psychische Erkrankung entwickelt, ganz vorne weg Depressionen. Aber so etwas gilt ja nicht mal als Grund, um von einer Prüfung zurückzutreten.
„Wie bitte, sie lagen 3 Wochen im Bett und waren so am Ende ihrer Kräfte, dass sie nicht einen Satz lesen konnten? Sorry, aber psychische Erkrankungen sind keine unverschuldeten Zwischenfälle, Sie können nicht von der Prüfung zurück treten.“

Wollen wir also wirklich, dass die Studenten schon im Studium bis an den Rand des Aushaltbaren getrieben werden? Wollen wir wirklich Ärzte, die schon zu Berufsbeginn ausgebrannt sind?
Es muss sich etwas ändern und das möglichst schnell! Und Kommilitonen, die wutentbrannt vor dem Studienbüro auflaufen, um sich für eine Person einzusetzen, sind schon ein richtig guter Anfang!

Liebe Grüße,
Kaisa



PS: Ja, ich weiß, dass sowas nicht nur im Medizinstudium an der Tagesordnung ist, aber für mich ist es hier am Greifbarsten :)