Sonntag, 21. April 2019

Ich bin Christ und stolz drauf!


Es ist 7:45 Uhr am Ostersonntag. Ich sitze gerade vor dem Computer und tippe diesen Text, die ersten zwei Tassen Kaffee habe ich schon weg.
Du fragst dich vielleicht, was das soll. An einem Feiertag, um diese Uhrzeit am Rechner zu sitzen, anstatt auszuschlafen oder ein großes Frühstück für die ganze Familie vorzubereiten.
Tja, was denkst du wohl, wenn ich dir sage, dass ich heute um 5 Uhr aufgestanden bin? Nur, um in die Kirche zu gehen?
Ich stelle mir gerade vor, wie in deinem Kopf die imaginären Schubladen aufgehen. Kirche. Und das in dem Alter. Bestimmt ein Mauerblümchen. Dazu weltfremd.
Zack, ploppen noch mehr Vorurteile auf: Christ, da kann ja nur irgendwas nicht stimmen. Verklemmt. Altmodisch. Total durchgeknallt.

Tja, Freunde, das ist es, mit was man so konfrontiert wird, wenn man öffentlich zu seinem Glauben steht. Deshalb ist heute für mich der perfekte Anlass, um einmal die andere Sicht der Dinge darzustellen. Doch eines vorweg:
Es soll hier nicht darum gehen, irgendjemanden zu bekehren, ich bin kein Missionar und will es auch nicht werden. Jeder hat seine eigenen Meinung und wenn ihr das alles hier für ganz großen Abfall haltet, dann akzeptiere ich das. Im Gegenzug bitte ich darum, dass ihr vielleicht zumindest versucht, meine Meinung zu tolerieren. Und bitte, keine Beleidigungen, Mutti liest mit…

Um zu verstehen, wie das alles zu Stande kommt, müssen wir ein paar Jahre zurückspulen. Lange, bevor an mich überhaupt zu denken war, hat mein Opa als Pfarrer gearbeitet. Leider durfte ich ihn nie kennenlernen, aber ich bin mir sicher, dass er trotzdem von oben auf mich aufpasst. Und vielleicht ist er zumindest ein kleines bisschen stolz auf das, was ich hier so anstelle.
Jedenfalls war schon meine Kindheit vom Glauben geprägt. Meine Oma hat mir immer ganz großartige Bildergeschichten aus der Bibel vorgelesen, das waren so Bücher wo man auch kleine Fenster aufklappen konnte und so was. Fand ich natürlich entsprechend faszinierend. Außerdem hat sie ein Talent dafür, diese Geschichten kindgerecht zu erzählen.
Außerdem wurde jeden Abend gebetet, manche der kurzen Texte aus meinem Gebetsbuch kann ich bis heute auswendig und ich freue mich jedes Mal, wenn ich zu einer Gelegenheit Ausschnitte dieser Gebete höre. Und natürlich sind wir auch ab und an in die Kirche gegangen. Wobei ich sagen muss, dass mich das eher kalt gelassen hat, aber schlafen ging auf Mamas Schoß immer und überall. Kirchenschlaf ist sehr gesund und erholsam, muss ich sagen.

Und so wuchs ich heran, irgendwann ging ich zur Christenlehre in die Gemeinde, das war auf jeden Fall sehr spaßig. Wir haben jede Menge gebastelt und es gab auch die ein oder andere Geschichte zu hören. Ach ja, gesungen wurde auch immer ganz viel, halt so Sachen, die Kindern Spaß machen.
Der Religionsunterricht in der Schule war eine andere Sache. In meinen 12 Schuljahren habe ich so manchen Reli-Lehrer erlebt und na ja, abgesehen von einem war das alles eher Mist. Abgesehen davon kannte ich das meiste auch schon aus meiner Kindheit, war also eher langweilig – aber ein Selbstläufer, bei dem gute Noten ohne Aufwand heraussprangen.
In der 7. Klasse wurde es dann Zeit, sich zu entscheiden: Im nächsten Jahr Konfirmation oder Jugendweihe?
Die Gegend, aus der ich komme, ist ehemaliges Grenzgebiet. Das heißt, dass viele Familien schon in der DDR dort gewohnt haben. Damals war Kirche nicht unbedingt ‚IN‘, was sich bis heute durchzieht. So haben sich die meisten meiner Freunde für die Jugendweihe entschieden, auch die, mit denen ich noch ein paar Jahre vorher in der Christenlehre Kerzen gebastelt habe. In meiner Familie herrschte hingegen das Credo: Entweder Konfirmation oder es gibt keine Feier und keine Geschenke.
Für euch mag das vielleicht hart klingen, aber für mich stand etwas anderes als Konfi nie so richtig zur Debatte.
Also habe ich mit zwei anderen Jugendlichen, darunter meiner besten Freundin, JA zur Kirche gesagt. Damals hatte das für mich aber nicht so richtig eine Bedeutung, muss ich zugeben. Das kam erst ein bis zwei Jahre später.
Meine beste Freundin zerrte mich zu einem Jugendgottesdienst in die Landeshauptstadt. Dort traf ich wider Erwarten meine Cousine (hier beliebigen Grad >2 einfügen…), die ich seit Jahren nicht gesehen hatte. Wie sich herausstellte arbeitet sie beim CVJM, der auch diesen Gottesdienst organisierte. Und so rutschte ich da auch rein, beim nächsten Mal war ich schon als Mitarbeiter unterwegs, das ist jetzt fast 5 Jahre her und ich bin immer noch sehr begeistert davon. Inzwischen bin ich nicht nur beim Jugendgottesdienst dabei, sondern fahre auch demnächst mit auf die Zeltstadt, eine Woche christliches Zeltlager in ganz groß.
In der bisherigen Zeit habe ich viele ganz tolle und faszinierende Menschen getroffen. Und es ist so toll, dass wir alle etwas haben, das uns verbindet: Den Glauben.
Über die Jahre habe ich zu diesem Thema unglaublich viel gelernt, bin gereift und erwachsen geworden. Ich weiß jetzt, dass mehr dahinter steckt, als sich am frühen Sonntagmorgen von einem älteren Herren von der Kanzel berieseln zu lassen. Und es gibt so viel mehr christliche Musik, als die verstaubten Kirchenlieder, die so hoch angesetzt sind, dass es nur noch furchtbar schief klingt. Wer Lut auf ein paar Liedempfehlungen hat, darf sich gerne melden!

Ich war nie jemand, der jeden Sonntag in die Kirche geht. Ja, ich bin Mitglied der Evangelischen Kirche und nein, ich habe nicht vor, auszutreten. Es passiert viel und einiges davon ist ganz große Scheiße, sind wir doch ehrlich. Aber es bringt nichts, davor wegzulaufen. In meiner Gemeinde passiert ganz viel Jugendarbeit und ich freue mich, dass wir jetzt ein Jugendzentrum aufbauen können. Es ist genial, Teil einer solchen Gemeinschaft zu sein, die sich über Generationen hinweg irgendwie zusammenrauft und miteinander auskommt. Es gibt noch einige Hürden und vieles werden wir wohl auch einfach nicht mehr bewältigen können. Aber wenn jeder einen kleinen Teil dazu beiträgt, dann können wir eines Tages die alten Herren mit ihren festgefahrenen und verstaubten Einstellungen ablösen.
Nein, der Glaube passiert außerhalb der Kirchenmauern. Für mich geht es darum, mich an den Normen und Werten zu orientieren, die ich schon in die Wiege gelegt bekommen habe. Und da steht ganz viel Liebe im Mittelpunkt! Ganz oben: Nächstenliebe. Ich habe mich schon immer sozial engagiert und für mich ist es keine Arbeit, jemandem zu helfen. Es ist eine Selbstverständlichkeit.
Ein anderes Thema ist Vergebung. Ich muss gestehen, dass mir das nicht immer leicht fällt. Wenn ich mit jemandem überhaupt nicht zurechtkomme, dann ist es schwer, ihm Fehltritte zu verzeihen. Und doch finde ich es so wichtig, schließlich ist niemand von uns auch nur annährend perfekt.
Ihr denkt jetzt vielleicht: „Dafür brauche ich doch keine Kirche! Normen und Werte? Finde ich in der Verfassung!“ Tja, tut mir leid, es euch sagen zu müssen: Vieles, was in unserer Verfassung steht, steht auch so ähnlich in der Bibel. Und jetzt überlegen wir mal, was älter ist.

Da sind wir auch schon beim nächsten Thema: Die Bibel. In der Vergangenheit ist viel Unrecht passiert, was mit diesem Buch gerechtfertigt wurde. Wir töten Menschen anderer Religionen? Oder welche, die eben nicht an Gott glauben? Passt, steht doch so in der Bibel!
Freunde, so leicht ist das aber nicht! Nur, weil in einem Buch, was vor verdammt langer Zeit geschrieben wurde, steht, dass du nach dem Tod deines Bruders dessen Frau heiraten sollst, machst du es doch auch nicht! Deshalb finde ich Fundamentalisten und Extremisten, egal welche Einstellung (politisch oder religiös), ganz furchtbar.
In der Schule habe ich mal gelernt, dass man Texte nicht einfach nur lesen, sondern analysieren und interpretieren soll. Und das gilt ganz besonders für alte Texte. Ich für meinen Teil lese gerne Bibel, weil ich die Geschichten so schön finde, vieles ist einfach nur faszinierend und wer mal wissen will, wie die Leute von „Supernatural“ auf ihre Ideen kommen, sollte sich mal die Offenbarungen des Johannes näher anschauen.
Natürlich muss man kein Abi haben, um zu verstehen, dass die Sache mit Adam und Eva in der Form nicht funktioniert. Und dass man mit über 100 keine Kinder mehr bekommen kann, schon gar nicht so viele. Aber muss deswegen alles Schrott sein, was drin steht?
Für mich ist die Welt durchaus von Gott geschaffen. Nicht in sieben Tagen. Aber man muss die Tage ja nicht so wortwörtlich nehmen… Ich kann und will mir einfach nicht vorstellen, dass das ganze Leben einfach nur ein Zufall war, und dass wir ohne jeden Sinn leben und sterben, einfach nur, weil irgendwo ein paar Moleküle spontan gesagt haben: Jo, Leben, klingt geil, lass mal machen! (So leicht war es nicht, ist mir schon klar…) Da muss es doch noch mehr geben! Ja, ich bin ein Verfechter der Naturwissenschaften, warum auch nicht? Ist doch alles logisch! Nur mit dem Unterschied, dass ich denke, dass unsere Begabung dafür nicht zufällig ist, sondern eben gottgewollt.

Ja, ich glaube auch daran, dass Jesus gelebt hat. Und auch daran, dass er gestorben und auferstanden ist. Bis auf den letzten Teil ist übrigens auch viel historisch nachzuvollziehen, wenn auch nicht ganz wie es in der Bibel steht.
Und trotzdem glaube ich, dass er für unsere Sünden gestorben und für uns wieder auferstanden ist. Heute ist Ostern! Heute ist der Tag der Tage, an dem wir das Leben feiern wie nie!
Diese Auferstehungssache gibt uns jetzt keinen Freifahrtschein, dass wir tun und lassen können, was wir wollen. Jeder ist für seine Taten verantwortlich und jeder hat sich an geltendes Recht zu halten. Doch es ist so befreiend, wenn man weiß, dass es jemanden gibt, dem man nicht egal ist, der einen liebt, auch wenn man so richtig verkackt hat, abgesehen von der Familie (die haben eh keine Wahl).
Abgesehen davon finde ich die Vorstellung, dass der Körper nach dem Tod einfach nur unter der Erde verrottet mehr als gruselig. Es ist tröstlich, wenn ich mir vorstelle, dass meine Seele dann schon an einem anderen Ort ist. Wo das ist? Keine Ahnung! Aber eines Tages werde ich es herausfinden.

Und ja, ich bete! Wenn es schwierig ist, dann bete ich um Hilfe, um eine Eingebung, wohin mich mein Weg führen soll. Und wenn man sich darauf verlässt, dann kommt auch Antwort. Das heißt nicht, dass man vor einer Prüfung um richtige Antworten betet und dann nicht mehr lernt. So funktioniert das nicht! Ich bitte dann um Durchhaltevermögen, um Stärke und um ein Quäntchen Glück.
Es ist schwer zu beschreiben, aber man merkt es, wenn man auf dem falschen Weg ist. Mein Medizinstudium zum Beispiel. Egal, wie sehr ich mich angestrengt und was ich versucht habe: Ich bin immer wieder durchgefallen! Obwohl ich die Themen verstanden habe und obwohl ich mir sicher war, alles gewusst zu haben. Am Ende hat dann der entscheidende Punkt gefehlt. Und wenn man sowas über einen längeren Zeitraum immer wieder erlebt, beginnt man schon, sich Gedanken zu machen. Jetzt geht es mir gut. Ich merke, dass ich auf dem Weg dorthin bin, wo ich ankommen, wo ich meine Berufung finden werde. Und es ist ein tolles Gefühl!
Wenn es mir dann gut geht, wie zurzeit, dann danke ich Gott für alles, was er mir schenkt. Für meine Privilegien und das Glück, was ich mit meiner Familie und meiner Beziehung habe. Für meine Freundschaften. Für mein tolles Leben.

Ihr merkt, Christ sein hat ganz viel mit Freude und Dankbarkeit zu tun, mit Liebe und Geborgenheit. Es ist immer jemand da, zu dem ich sprechen kann, der mir meinen Weg zeigt, wenn ich nicht weiter weiß. Und ich bin stolz darauf, dass ich ein Teil des großen Ganzen sein darf, dass ich früh um 5:30 Uhr unter freiem Himmel am Osterfeuer stehe, wo vorne zwei Jugendliche getauft werden. Und trotz der frühen Uhrzeit sieht man überall nur lächelnde Gesichter.

Wenn ihr jetzt immer noch denkt: „Boah, die Alte hat doch nen Sockenschuss!“, dann ist das okay. Ich kann verstehen, wenn ihr denkt, dass ich weltfremd bin und mir das Leben zu leicht mache. Und ich kann damit leben, wenn ihr jetzt den größtmöglichen Abstand sucht.
An alle anderen: Danke, dass ihr euch die Zeit nehmt, diesen Text zu lesen und vielleicht ein klein wenig besser zu verstehen, warum ich so handle wie ich es tue. Jetzt kennt ihr mich noch ein bisschen besser und ich hoffe, dass ihr mich weiterhin auf meinem Weg begleitet.

Und nun wünsche ich euch ein frohes und gesegnetes Osterfest! Geht raus in die Sonne, genießt das Leben und macht was aus dem Geschenkt, auf dieser Welt zu sein.

Liebe Grüße,
Kaisa



Dienstag, 12. März 2019

Wie es weitergeht

So wie es aussieht, ist der Tag X schneller gekommen, als erwartet.
Es ist in der Vergangenheit ganz viel schief gelaufen und ja, ich habe auch nicht wenige Fehler gemacht. Dass es jetzt so endet ist natürlich blöd, aber irgendwie bin ich erleichtert.

Aber von vorn: Nach einigem Hin und Her musste ich eine Prüfung tatsächlich im 3. Versuch antreten. Es kam, wie es kommen musste: Am Ende fehlte mir ein einziger Punkt zum Bestehen.
Es ist ironisch, da mich diese Art des Pechs schon seit Beginn des Studiums verfolgte. Immer war es ganz knapp, wenn ich irgendwo durchgefallen bin und es war abzusehen, dass es, wenn es final schief geht, so passiert.
Natürlich war ich bei der Einsichtnahme, aber die Hoffnung, dass mir dieser Punkt noch gegeben wird, ist extrem klein. Und ja, ich hätte noch mehr Möglichkeiten. Ich könnte mich über verschiedene Stellen für einen 4. Versuch bewerben. Oder ich könnte über den juristischen Weg weitermachen, tatsächlich wären meine Chancen da gar nicht mal so gering, da es doch einige Angriffspunkte gibt.
Aber ich habe mich anders entschieden. Die letzten knapp 2 Jahre des Studiums waren ein einziger Kampf und ich bin einfach müde. Ich möchte nicht meine psychische Gesundheit für etwas opfern, was mir am Ende vielleicht noch 3 Monate im Studium bringt, um dann bei der nächsten Prüfung durchzufallen. Und ich habe in den letzten Tagen und Wochen immer mehr festgestellt, dass ich nicht mehr bereit bin, alles für diesen Traum zu geben.
Ja, es war mein Kindheitstraum, einmal Ärztin zu sein. Aber manchmal sollten Träume vielleicht auch genau das bleiben. Ich merke, dass meine Erwartungen und die Realität nicht mehr zusammen passen.
Ja, ich wäre gerne Ärztin und bestimmt auch sehr glücklich damit geworden. Und trotzdem bin ich nicht so traurig, wie man wahrscheinlich in solch einer Situation sein sollte, wenn der eigene Traum wie eine Seifenblase zerplatzt.
Ich bin erwachsen geworden und mit mir meine Wünsche und Ziele. Ich kann damit umgehen, wenn ich scheitere und irgendwie wird es wohl auch seinen Sinn haben, dass ich von diesem geradlinigen Weg abgekommen bin. Es eröffnet mir ganz neue Möglichkeiten, eine neue Perspektive. Und egal, wie es weitergeht: Es wird gut!

Also, was wird nun aus mir? Nun, ich werde dem medizinischen Bereich treu bleiben, denn sind wir ehrlich: Ich kann nichts anderes außer Medizin.
Schon über Monate ist in meinem Inneren eine neue Leidenschaft gewachsen, langsam und im Hintergrund. Spätestens seit dem 2. Teil des Krankenpflegepraktikums weiß ich, dass ich damit auch wirklich glücklich werden kann.
Mein Weg wird mich in die Geburtshilfe führen.
Ob ich schon in diesem Jahr mit der Ausbildung zur Hebamme beginnen kann, weiß ich nicht. Ansonsten steht ein Jahr Bundesfreiwilligendienst an und dann geht es 2020 weiter für mich.
Wir werden es sehen und ich würde mich wirklich freuen, wenn ihr mich weiter auf meinem Weg begleiten möchtet. Es wird auf jeden Fall niemals langweilig!

Eure Kaisa

Freitag, 15. Februar 2019

Mein Vorhof zur Hölle heißt Vorklinik


Mir war schon vor dem Studium klar, dass die ersten zwei Jahre kein Zuckerschlecken werden würden. Um das zu erfahren, muss man sich nicht mal sehr intensiv mit dem Thema beschäftigen. Es ist einfach eine Tatsache, der man immer und immer wieder begegnet. Und doch ist man am Ende wirklich überrascht, wie es wirklich ist.
Ich studiere in einem nicht-reformierten Studiengang, das heißt, die Vorklinik ist genau das, was der Name impliziert: alles außer klinisch. Im Regelfall dauert sie 4 Semester, also 2 Jahre, und wird mit dem Physikum abgeschlossen.
Inzwischen ist die Vielfalt an reformierten Studiengänge so groß, dass ich keinerlei Überblick mehr habe, weshalb werde ich das einfach mal außen vor lassen.
Zurück zum Text: 4 Semester Vorklinik, das heißt vor allem: Naturwissenschaften und Anatomie pauken, bis es einem zu den Ohren wieder heraus kommt.
Ja, das wusste ich vorher. Und ja, ich habe mich trotzdem darauf eingelassen. Im Nachhinein weiß ich nicht, ob ich mich noch einmal darauf einlassen würde. Denn die letzten 3 Semester waren alles außer spaßig.

Aber ich will vorne beginnen. Ganz am Anfang, im 1. Semester, war die Welt noch in Ordnung. Der Himmel hing voller Geigen, denn – verdammt nochmal, ich hatte einen Medizinstudienplatz im allerersten Anlauf an der einzigen Uni, an der ich mich beworben hatte! Wenn das nicht die Erfüllung aller Träume ist, dann weiß ich auch nicht. Es ging los mit Biologie, Physik und Chemie. Außerdem lauerte die Anatomie auf uns, zu Beginn ganz unschuldig und übersichtlich. So ein paar Knochen, na das lernt man doch schnell mal nebenbei – oder?
Die erste Klausur in diesem Studium, kurz vor Weihnachten, brachte dann für viele doch das böse Erwachen. Ich weiß bis heute nicht, wie ich das im 1. Anlauf bestanden habe, aber sei es drum und ein bisschen Glück braucht man eben auch.
Was für uns alle aber eine riesige Belastung war, war das Chemiepraktikum. Nicht nur, dass man jede Woche bis nach 19 Uhr im Labor stand, man musste vorher auch noch ein Antestat bestehen und natürlich den Stoff, der viel weiter ging als irgendeine Vorlesung, auch noch verstehen. Abgesehen davon mussten wir für die Experimente einmal quer durch die Stadt an den Hauptcampus fahren, wodurch montags die Mittagspause ausfiel. Im Nachhinein ist das wohl die Vorbereitung auf die Arbeit in der Klinik gewesen…
Am Ende, im Februar standen dann noch Klausuren in Biologie, Chemie und nach 4 Wochen Praktikum auch noch in Physik an. Na ja, sagen wir so: Ich war in der Schule im Bioleistungskurs, deshalb war diese Prüfung keine große Hürde. Die anderen beiden… Ich mochte sie so gerne, dass ich sie glatt mehrfach schreiben wollte… Aber damit war ich nicht allein! 
Nebenbei sollte man außerdem noch Histologie lernen, um dort im praktischen Mikroskopieren verschiedene Gewebe erkennen zu können. Aber auch das hat man irgendwie geschafft, wenn auch in mehreren Anläufen.

Dann folgte das 2. Semester, oder auch mein persönlicher Abstieg in die Hölle. Ja, der Präparierkurs war wirklich großartig, abgesehen davon, dass die Uni es nicht geschafft hatte, für unseren Tisch einen Tutor zu besorgen. Zum Glück waren wir mit einem begabten Kommilitonen gesegnet, der uns das meiste erklärte und auch die Tutoren der Nachbartische versuchten, uns so gut es ging beizustehen. Ich weiß nicht, ob es daran lag oder schlicht und ergreifend daran, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich in so kurzer Zeit so viel Stoff in meinen Kopf prügeln sollte. Also kam, wie es kommen musste: Ich hüpfte von einer Wiederholung in die nächste, manchmal war es wirklich mehr als knapp und ich bin der Überzeugung, dass ich den ein oder andern Punkt aus Mitleid bekommen habe.  
Sozusagen nebenbei galt es dann, Interesse für Biologie und Histologie aufzubringen, was nicht wirklich einfach war. Das einzige, was mir in diesem Semester vorbehaltlos Spaß gemacht hat, war Psychologie. Endlich gab es klinische Bezüge und auch Professoren, denen klar war, warum wir im Hörsaal saßen: um irgendwann einmal mit Menschen zu arbeiten und nicht, um Bücher stapelweise auswendig zu lernen. Es war eine erfrischende Abwechslung und noch dazu sehr spannend, kein Wunder also, das die Prüfung hier leicht von der Hand ging.
Doch mein großes Problem blieb: Anatomie. Irgendwie konnte ich mich immer retten. Na ja, bis dann das Kopf-Hals-Testat anstand. Ich hatte keinerlei Plan von diesem Thema und so kam es, wie es kommen musste: ich rutschte kopfüber (haha) in den Drittversuch. Das heißt an meiner Uni: letzte Chance, wenn man hier durchfällt, ist es endgültig vorbei, dann ist man deutschlandweit gesperrt für den Studiengang.
Zum eigentlichen Termin hatte mich dann eine fiese Erkältung erwischt, wahrscheinlich hatte ich mir das beim Praktikum auf der Kinderstation eingefangen. Zum Glück hat auch mein Arzt eingesehen, dass man beim letzten Versuch 100% fit sein sollte und schrieb mich krank. Und so stehe ich jetzt hier, kurz vor dem 4. Semester und muss meinen Drittversuch als letzte Prüfung vor dem Physikum irgendwie bestehen. Keine besonders tollen Aussichten.
Insgesamt war das 2. Semester für uns alle purer Stress, einige Kommilitonen warfen freiwillig das Handtuch. Gerade auch, weil unsere Professoren nicht unbedingt allen Studenten freundlich gesinnt waren und einem diese Abneigung auch gerne zeigten. Zusätzlich zu dem allgemeinen Lernstress führte das dazu, dass einige psychisch vollkommen am Ende waren.
Und ja, auch mir ging es in dieser Zeit öfter mal nicht ganz gut. Der ein oder andere Heulkrampf war definitiv dabei. Zum Glück habe ich ein tolles Umfeld, das mich immer wieder aufgebaut hat. Trotzdem bin ich einfach nur froh, dass dieses Semester hinter mir liegt. In dieser Zeit habe ich mich mehr als einmal gefragt: Warum zur Hölle tue ich mir das an? Wofür das Ganze?
Erst im Praktikum auf der Kinderstation habe ich wieder Licht am Ende des Tunnels gesehen und gemerkt: ich brenne für dieses Fach und für das, was ich später erreichen kann. Nun gilt es aber erst einmal, sich durchzukämpfen.

Im 3. Semester fühlt man sich schon fast wie ein alter Hase, obwohl man gerade erst den Babyschuhen entwachsen ist. Sobald man nicht mehr die zur jüngsten Studentengeneration gehört, ist man „cool“. Wir sind zwar immer noch grün hinter den Ohren, aber was solls, ein bisschen Aufwind ist nie verkehrt, gerade in so einem Studium.
Es warteten neue Fächer, mit Biochemie und Physiologie auf uns, genau so wie alte Bekannte mit Anatomie und Psychologie.
Wieder sehe ich Psycho als meinen rettenden Anker, der mich aus dem Sumpf des stupiden Auswendiglernens heraus zog und mit klinischen Fällen die Motivation hoch hielt.
Neuroanatomie war immerhin spannend, aber wieder einmal mit viel Auswendiglernen verbunden. Irgendwie haben wir es aber geschafft und konnten und nach Weihnachten auf die anderen Fächer konzentrieren.
Physiologie und Biochemie sind an sich sehr interessant und in großen Teilen auch logisch – wenn man das nötige Grundverständnis mitbringt. Mein Problem ist, dass Chemie und ich wohl nie enge Freunde werden, was die Sache nicht einfacher macht. Und auch in Physio fehlt mir teilweise einfach der Blick für die Zusammenhänge.

Insgesamt hört man sehr häufig, die Vorklinik sei vorrangig zum „Aussortieren“ der Studenten und den Großteil könne man nach dem Physikum wieder vergessen. Was natürlich für mich, im 3. Semester, nicht unbedingt motivierend ist. Deshalb versuche ich, mir zu sagen, dass ich die Grundlagen können muss, um am Ende kranke Menschen behandeln zu können. Aber das ist nicht immer einfach, vor allem, wenn man gerade den 7. Reaktionsschritt der Glykolyse zu verstehen versucht (es ist die Reaktion von 1,3-Biphosphoglycerat zu 3-Phosphoglycerat, falls es jemanden interessiert) und keinen blassen Schimmer hat, wie einem die Reaktionsgleichungen später mal helfen sollen, einen Blinddarm zu entfernen oder ähnliches. Aber ich versuche, das Beste daraus zu machen.
Trotzdem kommt nicht nur ein bisschen Neid auf, wenn man von anderen Unis hört, an denen vom 1. Tag an Patientenkontakt da ist und man sofort die klinischen Bezüge herstellen kann. Aber ich bin nun mal hier gelandet und versuche nun, diese Zeit hinter mich zu bringen, so blöd es jetzt auch klingen mag. Gerade jetzt im Sommer, wo nur noch Biochemie und Physiologie auf dem Plan steht, neben Anatomieseminaren, die die Physikumsprüfung simulieren sollen. Allein der Gedanke daran bereitet mir schlaflose Nächte. Es wird kein Spaß.

Aber ich habe mir fest vorgenommen, bis zum Ende zu kämpfen. Ich mache inzwischen jeden einzelnen Tag, auch in den Semesterferien, etwas für die Uni, ob es Ausarbeitungen oder Wiederholungen sind. Nur so habe ich die Chance, das zu schaffen. Und das ist alles, was gerade im Fokus steht.
Aber wenn man den Kommilitonen der höheren Semestern glaubt, dann ist da zumindest schon ein Silberstreifen am Horizont: Die Klinik ruft, auf ins 4. Semester!